Das unsichtbare Kind
Wenn die Mutter oder der Vater ständig aufs Handy schauen, leidet nicht nur die Aufmerksamkeit. Kinder können sich in solchen Situationen als unsichtbar, überflüssig und unwichtig fühlen. Die Handynutzung von Eltern kann die Entwicklung des Kindes einschneidend und langfristig prägen.
Es war an einem späten Nachmittag im Pendlerzug: Im Abteil nebenan sitzt ein Vater versunken in sein lautstark aufgedrehtes Video. Neben ihm seine etwa dreijährige Tochter. Sie lehnt mit unsagbar traurigem Gesichtsausdruck vom Vater abgewandt über die Armlehne. «Ob er sie von der Kita abgeholt hat?» frage ich mich. Dann hätte sie sicher viel zu erzählen: wie der Tag war, was sie gespielt haben und ob etwas lustig oder nervig war. Aber da ist kein offenes Ohr, keine Aufmerksamkeit, kein erkennbares Interesse an der Tochter. Die schmerzliche Ausgeschlossenheit und Traurigkeit dieses kleinen Mädchens gehen zu Herzen.
Nicht immer sind die Situationen so offensichtlich kritisch. Oftmals wirken sie harmlos: Nur kurz eine Nachricht beantworten, nur schnell etwas nachschauen, währenddessen sitzt das Kind daneben – beobachtet, wartet und wartet... Seit einigen Jahren ist der elterliche Handykonsum zu einem stillen, aber einflussreichen Faktor in der kindlichen Entwicklung geworden. Was für Erwachsene kaum ins Gewicht fällt, ist für Kinder von grosser Bedeutung. Denn sie messen Aufmerksamkeit nicht in Minuten, sondern in Qualität. Sie spüren, ob jemand wirklich für sie da ist, ob das Lächeln erwidert und die Frage gehört wird.
Prägende Auswirkungen der emotionalen Abwesenheit
Wie Studien* belegen, können häufige digitale Unterbrechungen die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung und die emotionale Entwicklung des Kindes nachhaltig beeinträchtigen. Das Risiko für psychische und soziale Auffälligkeiten steigt. Denn Kinder reagieren sensibel auf fehlende Aufmerksamkeit. Sie spüren, wenn der Blick nicht ihnen gilt, sondern dem Handy. Die Auswirkungen beschränken sich nicht nur auf die frühe Kindheit, sie gehen weit darüber hinaus. Denn wer erlebt, dass Gespräche ständig durch digitale Geräte unterbrochen werden, übernimmt dieses Verhalten oft selbst. Es entsteht eine Generation, für die es zur Ausnahme wird, dass das Gegenüber echtes Interesse zeigt, aktiv zuhört und emotional engagiert ist.
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Vom Wert der ungeteilten Aufmerksamkeit
Das bedeutet nicht, dass Handys aus dem Familienalltag verbannt werden sollen. Entscheidend ist ein bewusster Umgang damit. Nicht nur klar definierte handyfreie Zeiten – etwa beim Essen, bei kleinen Kindern beim Spielen oder Zubettgehen – schaffen Raum für qualitative gemeinsame Zeiten. Sinnvoll ist auch eine gemeinsame Nutzung, bei welcher das Kind aktiv und altersgerecht miteinbezogen wird.
Ein Blick wird erwidert, eine Frage beantwortet, ein «Das interessiert mich» wird nicht nur gesagt, sondern ehrlich gelebt. Solche Momente sind es, auf die es ankommt. Denn sie geben dem Kind das Gefühl, gesehen, gehört und emotional wahrgenommen zu werden. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern zugewandte und emotional präsente. Jeder Blick, jedes Zuhören, jede ungeteilte Minute sendet die Botschaft: «Du bist mir wichtig.» Und genau diese Botschaft prägt und bleibt – weit über den Moment hinaus.
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